Gottes unsichtbare Kraft
Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken“ Römer 1,20
Andacht zur Tageslosung von Pfarrer Martin Günther, Dessau-Roßlau
Als sich das Coronavirus bedrohlich auszubreiten begann, fragte mich eine Frau: „Wie kann Gott das zulassen?“ Eine verständliche Frage, die vielleicht jedem von uns durch den Kopf geht. In dieser Frage steckt eine weitere wichtige Frage: „Wer oder Was ist Gott?“
Der Apostel Paulus weist uns die Richtung und antwortet darauf: „Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, und er wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt…“ (Brief an die Römer 1,20). Also: Gott ist „unsichtbar“ und Gott ist „ewige Kraft“ . Schauen wir mit dieser Antwort in die Natur. Die Kraft, die in der Natur wirkt, nennt die Biologie: Evolution. Schaut man diese naturwissenschaftliche Feststellung mit den Augen des Glaubens an, so kann man sagen: „Evolution“ ist der sich mit „ewiger Kraft“ „unsichtbar“ entfaltende Gott in der Natur, auf unserem Planeten und im Kosmos.
Die Natur ist neutral und will Balance. Mit menschlichen Augen betrachtet erscheint die Natur anziehend und abstoßend zugleich, z.B. wie attraktiv erscheint ein Fuchs, wenn er mit seinem buschigen rötlichen Schweif in grünem Feld entlangschnürt, und wie abstoßend erleben wir ihn, wenn er sich das geliebte Osterkaninchen der Enkelin holt. Wie der Fuchs, so ist der Mensch Teil der Natur und je nach Anschauung sind wir entweder anziehend oder abstoßend: Wie anziehend, erscheint der Mensch, den man liebt. Wie abstoßend empfindet man den Menschen, der Pflanzen (z.B. Berg – Wohlverleih) und Tiere (z.B. das afrikanische Nashorn) ausrottet. Die Natur ist anziehend und abstoßend. Und der Mensch ist es auch.
Gott sei Dank drängt die Natur aber auf gerechten Ausgleich: Das possierliche Schuppentier etwa wird seit langem wegen seiner Keratin-Schuppen und wegen seines zarten Fleisches von Menschen gnadenlos verfolgt und getötet. Es steht auf der roten Liste der gefährdeten Lebewesen ganz oben. Wissenschaftler erläutern uns, dass sich das Covid19-Corona-Virus von getöteten Schuppentieren auf den Menschen übertragen kann. „Der Mensch“, wie Uwe Herms sagt, als das „organisatorisch, strategisch, technologisch stärkste Raubtier“ in der Natur, unterliegt plötzlich einer veränderten Hackordnung: Covid19, das kleine Protein am Schuppentier, drängt zum natürlichen Ausgleich; „Ausgleich“ meint hier „Balance“
Wie war die Frage der Frau vom Anfang: „Wie kann Gott das zulassen?“ – Wir könnten fragen: „Wie könnte Gott Gerechtigkeit nicht zulassen?“ Wir Menschen sind Teil der Entfaltung Gottes in der Natur, wir sind mithin verantwortlich und müssen uns einfügen in die Balance der Natur. Auch Jesus von Nazareth spricht in Gleichnissen der Natur (Gleichnis vom vielerlei Acker, Markus 4,3-9) von der unsichtbaren Kraft des „Reiches Gottes“. Seit der Auferweckung Christi zu Ostern, wirkt er „unsichtbar“ und in „ewiger Kraft“ unter uns.
Wo kann man das erleben? In der Taufe, im Abendmahl und im Gebet. In Christus entfaltet sich Gott für uns persönlich und gerecht, zur Erlösung von unserm bösen Denken und Tun. Wenn wir die Natur antasten (s.o. Schuppentier), dann tasten wir Gott an. Was fragte die Frau am Anfang: „Wie kann Gott das zulassen?“ Antwort: „Gott lässt es zu, weil wir Teil von ihm sind“.
In diesem Sinne wünsche ich uns und aller Kreatur Auferstehung „in Gottes unsichtbarem Wesen“ und seiner „ewigen Kraft“. Amen.