Jeder Mensch braucht einen Hoffnungsschrank

Andacht von Pfarrer Martin Kanzler-Stegmann, Kirchenkreis Köthen

Die Andacht zum Hören

Finden Sie es nicht auch merkwürdig, dass wir mitten in unserer so aufgeregten – Hass und Wut erfüllten – Zeit ausgerechnet durch einen Erreger zum Innehalten und Nachdenken angeregt werden?

Da kommt so ein kleines Virus, gegen das noch kein Kraut gewachsen ist und zwingt uns, die Pausentaste zu drücken. In der Tat, sich abzuregen ist angesagt, und darin liegt für mich eine der Chancen in dieser Corona-Krise. Was kann dabei helfen?

In ihrem Buch “Wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit” (mit ihrem Mann Fulbert Steffensky 2013), schreibt die Theologin Dorothee Sölle: “Jeder Mensch braucht einen Hoffnungsschrank, …”

Für mich ist das in unserem Zusammenhang ein wunderbarer Erste-Hilfe-Satz. Geschichten, Verse, Musik, Lebenserfahrungen, die den eigenen Hoffnungsschrank bevorraten können, kann man doch nicht genug haben!

Bei einem meiner Besuche in meinen Pflegeheimen bin ich voriges Jahr auf eine besonders eindrückliche Geschichte dazu gestoßen. Eine Dame erzählt, wie sie sich als Kind mit ihrer Mutter zum Ende des Krieges auf die Flucht begeben muss. Von Ostpreußen ziehen sie mit einem großen Trek gen Westen. Ein Bauer hat auf seinen Wagen, in dem er Gepäck von Alten und Schwachen verstaut hat, mit weißer Farbe in großen Lettern einen Satz aus der Bibel gemalt: “Befiehl dem Herrn deine Wege”. Das hätte ihr so viel Kraft gegeben. Und bis heute würde sie das gleichnamige Lied aus dem Gesangbuch so gerne singen, “Befiehl du deine Wege ….” (EG 361).

Jeder Mensch braucht einen Hoffnungsschrank? Ich glaube, jeder von uns HAT einen! Und ich möchte Sie ermutigen in den Ihren zu sehen. Wenn Sie nun zu Hause bleiben müssen, durchforsten Sie Ihre Musik- und Bücherregale nach Hoffnungssätzen und -geschichten – vor allem aber Ihre Erinnerungen. Davon kann man nicht genug hamstern!

Gott segne Ihre Entdeckungsreise in den eigenen Hoffnungsschrank! Mögen Sie sich dabei auch so geführt fühlen wie die Dame aus einem meiner Pflegeheime. Und möge es Ihre Abwehrkräfte gegen die ganze Aufregung dieser Zeit stärken.