Krise und Überwindung

„So spricht Gott: Meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten.“ Jesaja 51,5

Andacht zur Tageslosung von Landesdiakoniepfarrer Peter Nietzer

Die Andacht zum Hören

Eigentlich hätte ich heute am ersten Dienstag nach Ostern einen Gottesdienst in Schloss Hoym gehalten. Wir hätten uns im Kulturraum getroffen; das ist der Raum in dem seit frühen Zeiten in Schloss Hoym die Bewohnerinnen und Bewohner zu gemeinsamen Aktivitäten versammeln, seien es früher Radiohörstunden gewesen oder heute Disco- Abende. Und Gottesdienste haben – bis auf die NS- und DDR- Zeiten – immer dazu gehört.

Wir hätten uns das „Der Herr ist auferstanden!“ zugesprochen, der Chor hätte Osterlieder gesungen – und ich eine Osterpredigt gehalten. Danach hätte es eine große gemeinsame Kaffeetafel gegeben, mit Osterbrot und womöglich auch Ostereiern.

All das findet in diesem Jahr nicht statt. Sicher gibt es hier und da in den Wohnbereichen Oster-Kaffeetafeln – aber gemeinsam? Das geht in diesen Corona-Tagen leider nicht. Genauso, wie der Besuch der Verwandten nicht möglich ist; oder größere Ausflüge ausgeschlossen sind; oder das Arbeiten in der Werkstatt der Lebenshilfe oder der Tagesförderung nicht stattfinden darf.

Die Beschränkungen dieser Tage sind sicher nötig, damit wir und die anderen Menschen gut durch diese Krise kommen. Zugleich bedeuten sie wirklich Einschränkungen, die manchmal nur schwer auszuhalten – und gelegentlich auch nur schwer zu verstehen sind.

Das gilt für Menschen, die eine große Stabilität und Regelmäßigkeit in der Gestaltung ihres Alltags brauchen – wie die Bewohnerinnen und Bewohner in Schloss Hoym – erst recht.

Aber auch Bewohnerinnen und Bewohner der Pflegeheime im Land verstehen kaum, warum der tägliche Besuch der Tochter oder des Sohns ausfallen muss. Nur wenige sind dort in der Lage, über die modernen Medien zu kommunizieren. Immer wieder sind sie kaum in der Lage, zu telefonieren; selbst wenn jemand anderes für sie wählt und die Verbindung herstellt. In ihrer Situation sind sie auf persönliche Nähe und Wärme angewiesen. Trotz aller Fürsorge der Pflegepersonen fühlen sich alleine gelassen. Und das beeinträchtigt die Stimmung, je länger, je mehr.

So wird aus einer Virus-Krise unversehens eine Krise des Miteinanders; eine Krise, in der wir nach Trost suchen, den wir uns gegenseitig nur schwer geben können.

Nach Trost suchten auch die Menschen zur Zeit des Propheten, von dem die heutige Losung stammt. Unsicher und krisenhaft waren wohl auch die Zeiten, in denen sie lebten. An sie richtet der Prophet das Wort Gottes aus: „Ich bin nahe, nicht fern. Und genau dann, wenn ihr nicht damit rechnet, tritt mein Heil hervor; und die Zeiten wenden sich. Nicht die Feinde, die Lebenswidrigkeiten der Zeit haben das letzte Wort. Nein, ich habe es!“

So spricht da der Herr. Und ich – ich habe Sehnsucht, dass sich die Zeiten wenden. Ich habe Sehnsucht nach Nähe und Überwindung der Restriktionen. Für die Menschen, die sich alleine gelassen fühlen. Für mich. Dass es so ist, feiern wir an Ostern: Der Herr ist auferstanden! – das gilt auch heute. Und für alle Tage, die da kommen.