Moritz Murawej und Viktor Rus

von Pfarrerin i.E. Ulrike Bischoff, Kirchengemeinde St. Peter und Kreuz Dessau

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Für mein Patenkind Johannes schreibe ich gerade eine Geschichte. Seit langem habe ich mal wieder Zeit zum Geschichtenschreiben. Die Geschichte für Johannes trägt den Titel: „Moritz Murawej und Viktor Rus.“ Sie handelt von der Ameise Moritz Murawej. Er lebt in Berlin und ist eine Ameise mit russischem Migrationshintergrund, jedoch ist Moritz in Berlin groß geworden. Seine Arbeit: Müll suchen und sich davon ernähren.

Eines Abends, als die Straßen überraschend leer sind, findet er in der Friedrichstraße in einem Mülleimer, eine Eispackung von Nogger. Das leckerste Eis der Welt. In der Eispackung findet er einen Knubbelohrenball. So sieht er aus. Ein Ball mit unwahrscheinlich vielen Knubbelohren. Er weint entsetzlich. Der Knubbelohrenball stellt sich vor. Er heißt Viktor Rus. Viktor Rus erklärt, warum er weint. Er wird innerhalb von 9 Tagen sterben, wenn er nicht jemanden findet, der ihn wiederbelebt. Also, kopiert. Moritz Murawej und Viktor Rus sind sich schnell sympathisch; Schließlich können sie beide nicht wirklich sehen, aber gut hören und fühlen. Moritz Murawej kennt einen Künstler auf Usedom, der gut zeichnen kann, er könnte Viktor Rus helfen.

Und hier beginnt der Road-Movie; die beiden schlagen sich gemeinsam durch bis zur Ostsee; Moritz trägt Viktor in der Eispackung, schließlich können Ameisen das siebenfache ihres Körpergewichts tragen. Sie erleben gemeinsame Abenteuer; Moritz ist zum ersten Mal in seinem Leben außerhalb von Berlin unterwegs, als er zum ersten Mal einen Wald betritt, fühlt er sich hier sofort wohl; er versteht, dass er eigentlich eine Waldameise ist, die in einer Stadt groß geworden ist. Er ist wieder an seinem Bestimmungsort angekommen.

Moritz gibt Viktor einen Spitznamen und nennt Viktor Rus von nun an „Virus“. Als sie beim Künstler auf Usedom ankommen, müssen sie entsetzt feststellen, dass sein Atelier geschlossen ist; er wohnt nicht mehr da. Es ist klar, dass Virus nun sterben muss. Sie setzen sich an den Strand und denken über das Leben nach. Virus gesteht Moritz, dass er eigentlich gar kein Lebewesen ist, weil er ein Parasit ist, der andere braucht um sich zu reproduzieren. Moritz meint, dass es bei den Ameisen eigentlich nicht anders ist, soweit er weiß, gehören zur Fortpflanzung immer zwei. Moritz findet deshalb, dass alle Lebewesen parasitär sind. Am Ende, bevor Viktor Rus stirbt, bittet er Moritz, dass er eine Geschichte von ihm schreibt; so bleibt Virus am Leben und das ist der Grund, warum Moritz, die Geschichte niederschreibt; Das ist das Ende.

Wenn Gott, der Schöpfer des Lebens, die Welt erschaffen hat, dann hat er auch Virus ins Leben gerufen. Virus will leben, er will sich duplizieren, genau wie die Ameisen und die Menschen sich fortpflanzen wollen; Ist das Böse? Im Prinzip nicht. Wenn ich Moritz Murawej fragen würde, wie er die Sache mit Viktor sieht, dann sieht er eher das Gute. Er würde sagen ??? ???? ??? ?????! Ein russisches Sprichwort, es gibt nichts Böses, was nicht auch gut wäre; alles was geschaffen ist, hat auch etwas Gutes.

Es gibt in der Biologie tatsächlich Viren die töten, aber auch Viren die Menschen heilen können; Viktor Rus ist ein guter Virus. Er hat es geschafft: er hat Moritz Murawej zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgeführt, nämlich eine Waldameise im Wald zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass ich in den letzten Tagen von dem heilenden Virus infiziert worden bin. Durch ihn bin ich in den letzten Tagen zu einer inneren Ruhe gekommen, glücklich und geheilt. Ich habe den Eindruck, dass ich zu einer Ursprünglichkeit meines Pfarrberufes zurückgefunden habe, die ich vorher gar nicht kannte: Nämlich Zeit für regelmäßige Gebete und Zeit für intensive Gespräche im Hier und Jetzt ohne das Gefühl getrieben zu sein; durch ihn habe ich Zeit auch mal wieder Geschichten zu schreiben ,etwas das in mir schlummerte und das wieder geweckt worden ist.

Endlich habe ich wieder mehr Zeit für Johannes; in dem ich diesen Road-Movie schreibe. Für dich, Johannes! Ich habe dich in letzter Zeit viel zu sehr durch die Arbeit vernachlässigt. Verzeih!

Deine Patentante Ulrike